„Gebrauchsanweisung für ein Wir“

10er DuG-Kurs setzt Macht, Gemeinschaft und Ausgrenzung filmisch in Szene

Wie entsteht eigentlich ein „Wir“? Wer gehört dazu – und wer nicht? Welche Regeln, Erwartungen und Machtstrukturen wirken innerhalb von Gemeinschaften?

Mit diesen Fragen beschäftigte sich der Jahrgang 10 im Fach Darstellen und Gestalten. Unter der Leitung von Maik Cabral do Ó und Manja Langer entstand das Filmprojekt „Gebrauchsanweisung für ein Wir – Zusammenbau Erforderlich“, eine mehrteilige filmische Inszenierung zu den Themen Macht, Gemeinschaft und Ausgrenzung.

Bereits zu Beginn des Projekts setzten sich die Schülerinnen und Schüler bildnerisch mit diesen Themen auseinander. In individuellen Collagen untersuchten sie, wie sich gesellschaftliche Phänomene wie Zugehörigkeit, Hierarchien oder Isolation allein durch Farben, Formen, Größenverhältnisse, Symbole und räumliche Anordnungen darstellen lassen. Ziel war es, Beziehungen sichtbar zu machen, ohne auf erklärende Texte zurückzugreifen.

Auf dieser Grundlage entwickelte der Kurs schrittweise ein gemeinsames szenisches Konzept. Die zentrale Idee bestand darin, Gemeinschaft nicht als etwas Selbstverständliches zu betrachten, sondern als ein System von Regeln, Bedingungen und Erwartungen. Die filmische Gesamtinszenierung wurde deshalb als eine Art „Gebrauchsanweisung“ angelegt – mit Hinweisen, Warnungen und scheinbar sachlichen Anleitungen zum Dazugehören.

Gemeinschaft als System

Der übergeordnete Drehbuchplan verzichtete bewusst auf klassische Figurenbiografien oder eine durchgehende Handlung. Stattdessen entwickelte jede Gruppe eine eigene filmische Interpretation eines Teilaspekts. Verbunden wurden die einzelnen Beiträge durch kurze Übergangstexte, die den Charakter einer Bedienungsanleitung aufgriffen. So entstand eine Collage aus unterschiedlichen Perspektiven auf Gemeinschaft, Macht und Ausgrenzung.

Die sechs Szenen des Films

Die Schülerinnen und Schüler entwickelten ihre Filme zu sechs Motiven, die unterschiedliche Facetten von Gemeinschaft, Macht und Ausgrenzung beleuchten:

Puzzle: Eine Freundschaftsgruppe gerät durch Eifersucht, Streit und Ausgrenzung auseinander, bevor die Beteiligten wieder aufeinander zugehen und die Gemeinschaft neu entsteht.

Demonstration: Aus Sorge über Krieg und gesellschaftliche Probleme organisieren Schülerinnen und Schüler eine Demonstration und machen ihre Forderungen gemeinsam sichtbar.

Oben / Unten: Innerhalb einer Gruppe bestimmen einzelne Personen über andere und beeinflussen deren Entscheidungen, wodurch Macht und Hierarchien sichtbar werden.

Die Grenze: Als persönliche Grenzen missachtet werden, geraten Freundschaften unter Druck und das Zusammenleben wird auf die Probe gestellt.

Alle gleich: Eine Gruppe erwartet Anpassung und Gleichförmigkeit, wodurch sichtbar wird, wie Individualität zugunsten von Zugehörigkeit zurückgedrängt werden kann.

Unsichtbar: Zwei Gruppen interpretierten das Motiv unterschiedlich: Ein Film thematisiert die Erinnerung an eine verstorbene Freundin, der andere einen Schüler, der von seinem Umfeld nicht beachtet wird. Beide Beiträge zeigen, wie es sich anfühlt, trotz Anwesenheit nicht wahrgenommen zu werden.

Trotz ihrer unterschiedlichen Geschichten beschäftigen sich alle Filme mit derselben Frage: Unter welchen Bedingungen entsteht ein „Wir“ – und wer bleibt dabei außen vor?

Vom Bild zur filmischen Inszenierung

Ein besonderes Merkmal des Projekts war die Verbindung verschiedener ästhetischer Ausdrucksformen. Die Ideen aus den Bildcollagen wurden nicht einfach übernommen, sondern in Körper, Raum, Sprache, Musik und Film übersetzt. Die Schülerinnen und Schüler mussten überlegen, wie sich abstrakte Begriffe wie Macht, Gemeinschaft oder Ausgrenzung nicht nur erzählen, sondern tatsächlich sichtbar und erfahrbar machen lassen. Dabei spielten Körpersprache, Gruppenformationen, Kameraperspektiven, Klanggestaltung und symbolische Bilder eine zentrale Rolle.

Kreative Eigenständigkeit statt vorgegebener Lösungen

Obwohl die sechs Grundmotive vorgegeben waren, entwickelten die Gruppen ihre Filme eigenständig. Dadurch entstanden sehr unterschiedliche Zugänge zu denselben Themen. Einige Gruppen arbeiteten stärker mit symbolischen Bildern und räumlichen Arrangements, andere erzählten konkrete Geschichten oder konzentrierten sich auf zwischenmenschliche Konflikte. Gerade diese Vielfalt machte sichtbar, wie unterschiedlich Gemeinschaft erlebt und interpretiert werden kann.

Ein Projekt mit aktueller gesellschaftlicher Relevanz

Die Beschäftigung mit Macht, Gemeinschaft und Ausgrenzung geht weit über den Unterricht hinaus. Die Schülerinnen und Schüler setzten sich mit Fragen auseinander, die ihren Alltag ebenso betreffen wie gesellschaftliche Debatten: Wer gehört dazu? Wer entscheidet über Regeln? Wann entsteht Zusammenhalt – und wann Ausgrenzung?

Das Filmprojekt zeigte eindrucksvoll, dass künstlerisches Arbeiten nicht nur kreative Ausdrucksmöglichkeiten eröffnet, sondern auch dazu beitragen kann, gesellschaftliche Prozesse bewusster wahrzunehmen und kritisch zu reflektieren.

„Gemeinschaft ist kein Zustand. Sie ist ein System mit Bedingungen.“ – dieser Gedanke bildete den Ausgangspunkt des Projekts und zog sich als roter Faden durch die gesamte Inszenierung.

 

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