Fastenbrechen an der Gesamtschule
Ein interreligiöser Abend der Begegnung
Es ist kurz nach halb sechs, als sich die Türen der Mensa öffnen. Draußen dämmert es, drinnen klirren erste Teller, Stühle werden gerückt, leise Gespräche füllen den Raum. Entlang der Fensterfront wächst ein Buffet, das bunter kaum sein könnte: dampfende Aufläufe unter glänzender Folie, kunstvoll verzierte Kuchen, Datteln in kleinen Schalen, goldbraune Pasteten, duftende Reisgerichte, süßes Gebäck, Obst, Suppen, Fingerfood. Jeder freie Platz wird genutzt. Wer hereinkommt, bringt etwas mit – und ein Stück eigene Geschichte dazu.
Zum zweiten Mal begeht die Gesamtschule gemeinsam ein Fastenbrechen im Ramadan. Rund 100 Menschen sind gekommen: Schülerinnen und Schüler von der 5. Klasse bis zur Q2, Lehrkräfte sowie Mitarbeitende der Schule. Besonders wichtig ist dabei: Eingeladen sind alle. Das gemeinsame Fastenbrechen versteht sich ausdrücklich als interreligiöser Abend der Begegnung, an dem Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrer Religion oder Weltanschauung willkommen sind. Manche sind vertraut mit dem Ritual dieses Abends, andere erleben es zum ersten Mal. Genau das macht die besondere Atmosphäre aus.
Als alle einen Platz gefunden haben, tritt Herr Marangoz nach vorne. Er bedankt sich für das zahlreiche Erscheinen, für die mitgebrachten Speisen und für das Engagement vieler Schülerinnen und Schüler, die bei der Vorbereitung geholfen haben. Seine Worte sind ruhig, herzlich und verbindend. Er erklärt den Ablauf des Abends – doch eigentlich ist längst spürbar, worum es hier geht: um Gemeinschaft..
Auch Schulleiter Herr Dr. Peters richtet sich an die Anwesenden. Er spricht von Tradition – davon, dass das Fastenbrechen nun zum zweiten Mal stattfindet und damit schon zu einem festen Bestandteil des Schullebens geworden ist. Sein besonderer Dank gilt den Schülerinnen und Schülern, die sich in die Organisation eingebracht haben. Man merkt: Dieser Abend ist kein Randereignis, sondern Ausdruck eines respektvollen und offenen Miteinanders an der Schule. Er ist Ausdruck dessen, wofür die Schule stehen will.
Im Anschluss tritt Nilda aus der 10c nach vorne und trägt einen vorbereiteten Text vor. Ihre Stimme ist ruhig, doch ihre Worte haben Gewicht. Sie spricht vom Verzicht – nicht als Mangel, sondern als Bewusstsein. Vom Erkennen der eigenen Bedürfnisse. Von der Wertschätzung für das, was man hat – und davon, was es bedeutet, wenn man es nicht hat. Sie betont den spirituellen Charakter des Fastens, die innere Einkehr und das Innehalten im Alltag. Während sie liest, wird es ganz still im Raum. Einige Zuhörende sind sichtlich gerührt.
Kurz darauf folgt der Gebetsruf, der traditionell den Zeitpunkt des Fastenbrechens markiert. Eigentlich sollte ein Schüler diesen besonderen Moment gestalten, musste jedoch krankheitsbedingt kurzfristig absagen. Kurzerhand übernimmt Herr Suljakovic stellvertretend den Gebetsruf. Viele hören aufmerksam zu, einige erleben diesen Moment zum ersten Mal. Für einen Augenblick entsteht eine besondere Ruhe im Raum – ein Moment, der vielen in Erinnerung bleibt.
Dann endlich: das gemeinsame Essen. Teller werden gefüllt, Gerichte probiert, Rezepte erklärt. Wer neben wem sitzt, scheint nebensächlich – schnell entstehen Gespräche zwischen Jahrgängen, zwischen Lehrkräften und Schülerinnen, zwischen Menschen, die sich vorher vielleicht nie begegnet sind. Fröhliche Stimmen mischen sich unter das Klappern von Besteck. Immer wieder hört man Sätze wie: „Probier das mal!“ oder „Das haben wir mitgebracht.“ Vielfalt liegt nicht nur auf den Tischen, sondern auch in den Biografien der Menschen im Raum.
Auffällig ist, wie selbstverständlich Nicht-Musliminnen und Nicht-Muslime an diesem Abend dabei sind – und wie sehr ihre Anwesenheit geschätzt wird. Mehrfach ist Dank zu hören. Es geht nicht nur ums Essen, sondern um Teilhabe. Um Interesse an den Bräuchen anderer. Um Verständnis für eine besondere Zeit, die in diesem Jahr fast zeitgleich mit der christlichen Fastenzeit stattfindet. Zwei religiöse Traditionen, die – trotz unterschiedlicher Ausprägung – den Gedanken des Innehaltens und des bewussten Verzichts teilen.
Als sich der Abend dem Ende zuneigt, helfen viele ganz selbstverständlich beim Aufräumen. Folien werden zusammengerollt, Schüsseln eingesammelt, Tische gewischt. Auch das gehört zur Gemeinschaft.
Zum Abschluss wird bereits ein Blick nach vorne geworfen: In Zukunft sollen die Schülerinnen und Schüler der 10. Klassen noch stärker in die Organisation des Fastenbrechens eingebunden werden. Die Idee dahinter ist klar – die Veranstaltung soll zunehmend von den Schülerinnen und Schülern selbst getragen und gestaltet werden.
Was bleibt, ist mehr als ein sattes Gefühl. Es ist das Erleben eines Miteinanders, das im Schulalltag nicht immer so sichtbar wird. Ein Abend, der zeigt, wie bereichernd es sein kann, wenn Menschen ihre Traditionen teilen – und andere bereit sind, daran teilzuhaben.
Das zweite Fastenbrechen an unserer Gesamtschule war mehr als eine Veranstaltung. Es war ein Zeichen. Und vielleicht tatsächlich der Beginn einer Tradition.








